Alltag · 21. August 2007

P*ssen halt die anderen

celtic3.gifIch bin annähernd ein Kind der ersten Stunde Technos, der ersten Stunde… na, sagen wir eher der zweiten Stunde. Schon damals, circa ’95 hieß es “Früher war alles besser!” (Und ich glaubte ihnen).

Damals -als junger Ravespund- nahm man alles was man aus den Medien mit bekam mit, alles was auch nur annähernd mit Techno zu tun hatte und einigermaßen Cool rüber kam. So waren Sendungen wie Club Rotation schon im Kern scheiße und man war stets durch sein von Medien geprägtes Fachwissen bestrebt genau zu erklären was es denn nun mit Techno auf sich hat, wenn man denn mal wieder von der xten Dorfpommeranze gefragt wurde “Was ist Täschno?”

Das bestreben der Sender den Kosmos Techno darzustellen war hoch. Sender wie 3sat, arte etc. rissen sich darum möglichst nah an der Szene zu berichten und schmückten sich oft mit Menschen die so integer waren das man sie stumpf nicht kannte. Jedes Jahr nach der Love Parade gab es dutzende Dokumentationen und Berichterstattungen wie der riesige Technoumzug -1997 immerhin mit ca. 1,5 Mille- funktionierte, was passierte und wer dahinter steckte. Sehr oft sah man Dr. Motte sagen, dass die ersten Paraden unter dem Motto Friede, Freude Eierkuchen als politische Demonstration vollführt wurden. Und Motte hat es jedes mal aufs Neue glaubhaft verkauft, das Friede für Abrüstung, Freude für Musik als Mittel der Völkerverständigung und Eierkuchen für eine gerechte Nahrungsmittelproduktion stand. Die alte Sau hatte es drauf einem Techno als Allerweltswundermittel zu verkaufen, dass sogar so extrem das es bald Ableger in u.a. San Francisco, Tel Aviv und Mexiko Stadt gab.

Es gab nichts anderes als die Love Parade cool zu finden, auch wenn man als Pseudorocker eher auf die gerade aufkeimende Band Green Day stand, fuhr man zur Love Parade um sich das Spekatel der modernen Revoluzzer anzuschauen.

Jedes mal aufs neue war der Blick vom Ernst-Reuter-Platz in Richtung Goldelse überwältigend. Tausende von Menschen die in einem Meer von Müll und Beats die Straße des 17. Juni platt machten. Wer das nicht geil fand, wurde von seinen Eltern im Keller versteckt oder ist ein Misanthrop!

Nach den ersten Raveerfahrungen im Paradenzug ging man schnell dazu über im Tiergarten zu verweilen, zumindest bis zur Abschlusskundgebung. Die Experimente mit Gesellen aus fernen Länder gehören hier in keinster Weise genannt, aber was man von Polen lernen und sich von Berlinern kaufen kann, hat oft für stundenlanges Amüsement gesorgt. Der Tiergarten wurde so zum Ort der Völkerverständigung auf einem extrem abstraktem Niveau, aber mit Stil.

Nachdem aber mit den Berichterstattungen, den Loveparade-Urlaubern und den Gotthilf Fischers auch der Brechreiz kam, war zu irgendeinem Punkt auch mir, naiven Altraver klar, das der Love Parade Drops gelutscht ist. Der Anspruch an anständiger Musik wurde oft wenn nicht gar nur auf den After Partys befriedigt, der Tiergarten füllte sich zusehenst mit Trillerpfeifen, Fellstulpen und Schranzern und man war nicht mehr sicher vorm Wochenendalkoholiker der vom WDR gefragt wurde “Lässt man dich nicht in die Clubs oder warum gehst du auf die Love Parade?” (Ohne scheiß, ist genau so, ich glaube 2002, gesehen worden!).
Ein trauriges Bild das uns kollektiv zum Abzug des Fanatismuses brachte. Ich glaube ab 2002 besuchte ich, bis letztes Jahr, keine Parade mehr und es war nicht mal schlimm.
Im ersten Jahr meiner Abwesenheit wurde die LP eingezäunt, im zweiten fand sie wohl schon nicht mehr statt. Im letzten Jahr gab es denn für das Medienmonster wieder Hoffnung, eine schottische Fittnesskette nahm sich dem brüchigen Etwas an und zelebrierte ein aufwändiges Auferstehen des Technophoenix. Man mag mir Gaffermentalität nachsagen, aber das musste ich mir geben. Ich dachte mir “Wer weiß ob es überhaupt noch mal eine gibt!?”. Und nachdem sich Motte der Parade abgewendet hat, diese nun vollständig der Fittnessbanane gehört, was hört man da: Die Parade wird dieses Jahr nicht in Berlin statt finden. Der Schaller hat die Karre in den Sand gefahren… keiner empfindet es als schlimm!

Die jedes Jahr aufs neue, im letzten Jahr bezüglich der WM aufs extremste, stattfindende Diskussionen über die Nutzung und Verschandelung des Tiergartens wird es dieses Jahr, zumindest auf die Love Parade bezogen, nicht geben.

Weiß man jetzt als bekennender und auch als inzwischen integrierter Fürsprecher der elektronischen Musik wie sich Rocker heutzutage fühlen? Damals verschrien, heute eine akzeptierte Abart eines Spießers?

Beachtlich ist, dass das Medienwirksame Etwas einer Parade in mehreren Städten immer noch angenommen und durch geführt wird. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum noch Paraden, die nicht mit Problemen zu kämpfen haben und die wenigsten Betreiber sehen in einem “Mit Würde gehen” einen Weg.
Ich bin ehrlich gelangweilt über die ständigen Mitteilungen welche Parade nun doch oder doch nicht in Berlin oder sonst einer Stadt satt finden wird, das es mich selbst erschreckt. Damals noch vom kleinsten Hauch eines Beats in Rage gebracht, heute vom sterben eines mich prägenden Instruments gelangweilt…

In Stimmung zu diesem Artikel kam ich durch eine Pressemitteilung des Berliner Senats, in dem u.a. gesagt wurde, dass man sich nicht um die Love Parade bemühen wird, da es noch andere Veranstaltungen gibt die an der Siegessäule statt finden wollen. Pissen halt die anderen…

Schön Senf auffe Wurst!

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